Auracast – das Bluetooth für alle?

Barrierefreie Höranlagen im öffentlichen Raum

Text, images: Hannes Seidler

Block 1

Höranlagen werden eingesetzt, um schwerhörigen Menschen das Audiosignal drahtlos in die Hörtechnik oder zum Kopfhörer zu übertragen. Aktuell werden die klassischen, bewährten Verfahren durch Auracast abgelöst, eine Technologie auf Basis von Bluetooth Low Energy. Seine Funktionsweise sowie die Chancen und Anforderungen von Auracast werden in diesem Beitrag beleuchtet.

Block 2

Teilnehmer mehrsprachiger Konferenzen aber vor allem schwerhörige Nutzer in Räumen mit Beschallungsanlage sind darauf angewiesen, dass das gewünschte Audiosignal möglichst ohne Störungen die Hörtechnik oder Kopfhörer erreicht. Dafür haben sich in den letzten Jahrzehnten Funk- und Infrarotanlagen sowie induktive Höranlagen etabliert. Dennoch arbeiten die Hersteller von Hörsystemen schon lange Zeit daran, neue drahtlose Kommunikationswege anzubieten.

Seit 2023 gibt es eine Lösung für diesen Bedarf, die auf Nischentechnologien verzichtet: Das Protokoll von Bluetooth LE (Low Energy) wurde um die Funktionen ‚Audio‘ und ‚Auracast‘ erweitert. Um die neuen Möglichkeiten umfassend nutzen zu können, muss der gegenwärtige Stand bei Höranlagen skizziert werden.

Aktuelle Hörunterstützung

Tabelle 1: Vergleich der Eigenschaften geläufiger Höranlagensysteme
Tabelle 1: Vergleich der Eigenschaften geläufiger Höranlagensysteme

Das Verstehen außerhalb des raumakustischen Hallradius wird bei aktuellen Höranlagen gern durch die drahtlose Übertragung von abgesetzten Mikrofonsignalen oder externen Tonquellen – wie Fernseher oder Computer – unterstützt. Dafür gibt es viele gute, aber meist proprietäre Lösungen der Hörgerätehersteller. Neben Signalübertragungen in verschiedenen Frequenzbändern mit herstellerspezifischen Kodierungen kommen bereits seit langem Bluetooth Classic oder Bluetooth Low Energy (BT LE) zum Einsatz. Sie sind für öffentliche Höranlagen nicht verwendbar, da sie limitiert, teilweise gerätespezifisch, deutliche Latenzen aufweisen und kein echtes Stereo bieten. Daher gibt es etablierte und leicht zu verwendende Lösungen wie induktive Höranlagen oder auch Infrarot- und Funksysteme. Einen Vergleich der Eigenschaften gibt Tabelle 1 wieder.

Infrarot- und Funksysteme können oft leicht installiert werden, bieten gerade im Dolmetscherbetrieb mehrere Kanäle an und haben als mobile Anlagen eine weite Verbreitung bei Gruppenführungen und im Konferenzbereich erlangt. Der große Vorteil der einkanaligen induktiven Höranlagen ist jedoch die einfache Nutzung für beliebig viele Hörgeräteträger bei minimalem Betriebsaufwand ohne Zusatzempfänger – erkauft mit baulichen Installationen im Raum. Entgegen anderslautender Meinungen ist der dafür notwendige Empfänger, die Induktionsspule (auch T-Spule genannt), selbst bei aktuellen Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten oft noch integriert, vom Hörakustiker aber selten beworben und aktiviert.

Block 4

Allen Höranlagen gemeinsam ist der prinzipielle Aufbau:

• Schallaufnahme (meist Mikrofone),

• Signalverarbeitung (Mixer, Frequenzgangkorrektur, Dynamikkompression etc.),

• anlagenspezifischer Verstärker und Sender,

• spezifischer Empfänger und ggf. spezifische Übertragung zum Hörsystem.

Auch wenn der Höranlagentyp gewechselt wird, bleibt die Bedeutung der Mikrofonierung und Signalverarbeitung für eine gute Übertragungsqualität und den verbesserten Störabstand bestehen.

Die Bluetooth-Familie

Sie sind zwei ungleiche Geschwister: Bluetooth Classic und Bluetooth LE. Während BT Classic seit 1999 eine erhebliche Verbreitung auch im Audiobereich gefunden hat, war das energiesparende BT LE dafür ursprünglich nicht vorgesehen. Man hatte vor allem einfache, batteriegestützte Steuerungen im Fokus. Headsets, Earbuds, Hearables, Hörgeräte und Cochlea-Implantate brauchen jedoch auch eine zuverlässige Audioübertragung bei geringstem Energiebedarf. Nach einzelnen gerätespezifischen Ansätzen (MFi, ASHA, etc.) wurde 2020 BT LE Audio entwickelt.

Was fehlt, ist eine öffentlich nutzbare Audioübertragung – mehrkanalig und für viele Nutzer gleichzeitig. Dieser Aufsatz auf BT LE Audio heißt Auracast und soll mit einer Latenz von 40 Millisekunden oder weniger eine nahezu lippensynchrone Wiedergabe gestatten.

Bluetooth-Systeme mit Eigenschaften und Anwendungen
Bluetooth-Systeme mit Eigenschaften und Anwendungen

Neue Höranlagen mit Auracast

Seit langer Zeit wird versucht, einen weltweit einheitlichen Übertragungsstandard auf Basis von Funkwellen zu vereinbaren, der den vielfältigen Anforderungen an öffentliche Höranlagen genügt. 2023 zeigte sich eine Lösung: Die Bluetooth Special Interest Group hat die Vereinbarungen für das BT LE Audio mit Broadcast Funktion getroffen. Sie formulierten eine öffentliche Schnittstelle mit dem Namen Auracast. Die neuen, besonderen Eigenschaften sind: • Mehrkanalige synchrone Übertragung (rechts/links, Sprachen),

• synchrone Übertragung an beliebig viele Empfänger,

• einfaches Abhören einer öffentlichen Audiospur,

• separater Sprachkanal/separate Sprachsteuerung,

• energiesparender Codec LC3, neues Profil PBP (public broadcast profile).

Block 7

Die treibenden Kräfte sind jedoch nicht die Hörgerätehersteller, sondern die Audioindustrie, die drahtlose Kopfhörer, Einsteckhörer und Hearables für vielfältige Beschallungssysteme bereitstellen möchte. Vor allem die bisher „stummen“ Bildschirme in öffentlichen Gebäuden können dann ihre Werbe- und Informationsbotschaften hörbar präsentieren.

Trennung von Datenstrom und Konfiguration bei Auracast-Übertragungen
Trennung von Datenstrom und Konfiguration bei Auracast-Übertragungen

Block 8

Die technischen Eigenschaften erlauben den Betrieb von öffentlichen Höranlagen auf einem neuen, leistungsfähigen Niveau. Der prinzipielle Aufbau aus Schallaufnahme, Signalverarbeitung, Verstärker, Sender und Empfänger bleibt natürlich bestehen. Lediglich die beiden letzten Stufen werden durch den BT-Sender und den Auracast-Empfänger im Hörsystem oder Headset ersetzt. Für die Minimierung der Übertragungslatenz wird zur Steuerung und Dekodierung kein zusätzliches Gerät in die Kommunikationskette geschaltet, auch kein Smartphone. Alle Steuerelemente befinden sich außerhalb des Datenstroms. In einfachen Fällen kann vollständig darauf verzichtet werden.

Die Umsetzung der Auracast-Anforderungen ist gegenwärtig anspruchsvoll für die Hersteller. Das erklärt vielleicht die zurzeit noch unerwartet geringe Anzahl registrierter Geräte. Nur die neuesten Hörgeräte von sechs Herstellern sind bisher mit Auracast ausgestattet; lediglich vier TV-Geräte unterstützen bisher das neue Format.

Block 9

Dennoch zeigt sich in vielen Ländern eine hohe Bereitschaft, Auracast in öffentlichen Räumen zum Durchbruch zu verhelfen. Norwegen und Australien seien hier nur stellvertretend zu nennen. Trotzdem liegen wenige Erfahrungen mit der Auracast-Technik vor. Unter anderem sind noch offen:

• verwendete Abtastrate von 16 oder 24 kHz (also nicht 44,1 oder 48 kHz),

• Raumsender für mehr als zwei Kanäle,

• langlebiger, einheitlicher Codec LC3,

• geräteunabhängige geringe Laufzeit (≤ 40 ms),

• gegenseitige Kompatibilität der Sender und Empfänger.

Block 10

Auracast-Kleinsender für kleine Räume im privaten und öffentlichen Bereich
Auracast-Kleinsender für kleine Räume im privaten und öffentlichen Bereich

Hörgeräte haben eine Lebensdauer von sechs bis zehn Jahren. Somit gehen die letzten Hörsysteme ohne Auracast etwa in acht Jahren außer Betrieb. Bis dahin können die bisherigen Übertragungsverfahren nicht ignoriert werden. Schließlich soll mit Auracast eine bessere Versorgung über Höranlagen erreicht werden als bisher. Bei Nachrüstungen mit dem System ist der Parallelbetrieb von zwei Übertragungswegen gewünscht. Neben Raumsendern mit einer Reichweite bis 100 Metern können auch Kleinsender mit einer Reichweite bis 20 Meter zum Einsatz kommen.

Block 11

Für neu installierte Anlagen führt die geringe Verbreitung dazu, dass für die genannte Zeit mobile Auracast-Empfänger angeboten werden müssen. Sie steuern die Halsschleifen für induktive Übertragung oder Kopfhörer an und stellen einen Kabelanschluss für Bluetooth Classic-Geräte oder gerätespezifische abgesetzte Mikrofone bereit.

Die Empfänger bestimmen nicht unwesentlich die Kosten einer Auracast-Anlage. Sind für Raumsender 1000 bis 2500 Euro einzuplanen, so ist für einen Empfänger je nach Funktionsumfang mit 150 bis 350 Euro zu rechnen. Möglicherweise wird die geplante Norm zu Auracast-Anlagen neben technischen Kenndaten auch eine Empfehlung zur Anzahl der benötigten Empfänger geben.

Fazit

Öffentliche Höranlagen werden in den nächsten Jahren von Auracast-Systemen dominiert werden. Bis dahin ist aufgrund der Nutzungsdauer von Hörgeräten mit einem schrittweisen Übergang von induktiven und Funkanlagen zum neuen Bluetooth-Protokoll zu erwarten. Neue Auracast-Anlagen müssen in den nächsten acht Jahren auch die bisherigen Übertragungswege bereithalten.

Dafür bietet sich mit Auracast erstmals die Chance, unterschiedliche Hörversorgungen auf beiden Ohrseiten zeitgleich zur Audiosignalwiedergabe zu nutzen. Zudem erlaubt der Broadcast-Betrieb die Einbeziehung vieler Nutzer, und die Mehrkanaligkeit eröffnet vielen Anwendungen den Weg.

Block 13

Literatur und Links:

Atlas barrierefrei bauen. Hrsg.: Metlitzky, N.; Engelhardt, L.; Köln: Rudolf Müller Medien GmbH & Co. KG, 2025

Bluetooth SIG (2025): Auracast – How it works.

Pro Audito Schweiz (2025): Bluetooth LE Audio und Auracast.

Block 14

Hannes Seidler ist Ingenieur für Informationstechnik und Akustiker. Er hat ein Büro mit den Schwerpunkten Raum- und Bauakustik sowie Planung und Ausführung von Höranlagen. Als Leiter des Fachausschusses Barrierefreiheit im Deutschen Schwerhörigenbund ist er vertraut mit den Problemen und Bedürfnissen schwerhöriger Menschen. Zielorientierte Lösungen und Weiterbildung von Fachkollegen sind ihm ein wichtiges Anliegen.