Jesus Christ Superstar
Treffen der Regionalgruppe Berlin
Text & Bilder: Peter Weinsheimer
Text & Bilder: Peter Weinsheimer
Berlin hat die Tradition, Spielstätten und Museen gelegentlich aufwendig auf Vordermann zu bringen – meist verbunden mit langwierigen Umbauten. Nach der Staatsoper Berlin, der Museumsinsel, dem Bode-Museum und der Nationalgalerie ist nun auch die Komische Oper Berlin an der Reihe, die, wie zuvor schon die Staatsoper, währenddessen ins Schillertheater ausweichen musste. Man hört, dass die Komische Oper 2033 wieder in ihr Stammhaus zurückkehren soll.
Dort hat man sich zum Ziel gesetzt, dem Publikum jeweils zu Beginn der Spielzeit etwas Besonderes zu präsentieren. In diesem Jahr ist es das Musical Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber, das an 14 Tagen im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof aufgeführt wird. 400 Mitwirkende, Tänzer, Sänger, darunter viele internationale Solisten, eine Rockband und das Orchester der Komischen Oper sind an der Produktion beteiligt. Ich hatte das Glück, bereits eine Woche vor unserer Besichtigung eine Vorstellung besuchen zu können, bei der ich neben dem Mischplatz bei Holger Schwark und seiner Kollegin Andrea Jetter von der Komischen Oper sitzen durfte. Eine fulminante Show im Stile der 70er, mit großartigen Stimmen, einem tollen Lichtdesign, diskolastigen Kostümen und einem großartigen Sound!
Am 6. Oktober 2025 hatten schließlich die Berliner Tonmeister*innen die Gelegenheit, tiefer in den Betrieb einzutauchen: Holger Schwark, der Sounddesigner dieser Produktion, lud uns an einem spielfreien Tag ein, die Musicalproduktion im Hangar 4 zu besichtigen. Zusätzlich organisierte er noch drei weitere Vorträge: mit dem Akustiker Holger Weitkämper, mit Martin Rode von L-Acoustics sowie mit Volker Schmitt von Sennheiser.
Rund 35 Kolleginnen und Kollegen trafen sich in der beeindruckend großen Halle des Hangars 4 mit etwa 100 Metern Länge, 49 Metern Breite und rund 18 Metern Deckenhöhe. Normalerweise stehen hier Flugzeuge, unter anderem der berühmte Rosinenbomber. Für die Produktion wurde die Halle vollständig geräumt; alle Einbauten wurden exklusiv für diese Inszenierung installiert.
Die Bühne ist mittig in der Halle aufgebaut. An der großen Fensterfront befindet sich ein hohes Wandpodest, auf dem zentral die Rockband und rechts davon Mitglieder des Orchesters spielen. Diese Wand dient zugleich als Auf- und Abgang über eine teilbare Freitreppe. Das Publikum blickt von drei Podesten an drei verschiedenen Seiten auf die Bühne. Insgesamt stehen etwa 1.800 Plätze zur Verfügung.
Auffällig sind die auf der Fensterseite übereinander gestapelten Lautsprecherattrappen, die ein Woodstock-Feeling erzeugen. Für die Beschallung werden sie jedoch nicht genutzt. Diese erfolgt für jedes Podest stereofon über jeweils zwei Line-Arrays.
Bevor wir den Saal besichtigten, erläuterte Holger Weitkämper vom AiR Ingenieurbüro die akustischen Maßnahmen der Produktion. Die Halle weist mit ihren rund 86.000 Kubikmetern im leeren Zustand eine Nachhallzeit von etwa 8–9 Sekunden auf. Durch den Einsatz von Moltonvorhängen und sogenannten aQ-Tubes konnte diese auf unter 3 Sekunden reduziert werden. Die Moltonvorhänge wurden hinter den Zuschauertribünen durchgehend und mit einem Abstand von einem Meter zu den Wänden (Brandschutz) angebracht; die große Fensterfront blieb aus ästhetischen Gründen unverhangen. Diese Vorhänge wirken primär oberhalb von etwa 1 kHz stark absorbierend. Darunter übernehmen die aQ-Tubes die Dämpfung: riesige, hochkant bis zur Decke reichende, luftgefüllte Schlauch-Elemente, ähnlich wie überdimensionierte Luftmatratzen, die mit geräuscharmen Orgelmotoren in Form gehalten werden. Ihr Absorptionskoeffizient liegt bei etwa 0,5–0,6 bei 65–250 Hz und fällt zu höheren Frequenzen hin über die Oktaven linear ab. Ein zusätzlicher Bodenbelag unter den Zuschauertribünen absorbiert Energie um etwa 500 Hz, sodass sich insgesamt eine Nachhallzeit bis 1,5 kHz von unter 3 Sekunden ergibt. Hinzu kommen die Absorption durch das Publikum sowie die Richtwirkung der Line-Arrays.
Beim anschließenden Rundgang konnten wir die enormen Ausmaße der aQ-Tubes aus nächster Nähe betrachten, bevor wir für eine kurze Pause das Flugfeld betraten, das während der Aufführungen als Lobby dient und einen Blick über das weitläufige Gelände sowie auf den ausgelagerten Rosinenbomber Douglas C-47 Skytrain bietet. Zurück in der Halle führte Holger uns über die Rock- und Orchesterbühne. Im Orchester spielt eine Streicherbesetzung 8-6-4-3, vierfach Holz und 4-2-2-1 im Blech. Der Großteil ist jeweils mit einem Neumann-Clipmikrofon MCM KK 14 mikrofoniert. Auf der mittleren Rockbühne fiel sofort das Leslie ins Auge: Das rotierende Horn wird mit MK 4s aus vier Richtungen abgenommen. Zusätzlich kommt eine digitale Hammond-Orgel zum Einsatz. Alle Bandmusiker arbeiten mit In-Ear-Monitoring, gespeist über ein binaurales Monitorsystem. Der 50–60 Personen starke Chor hört über Deckenlautsprecher. Die visuelle Kommunikation mit dem Dirigenten erfolgt über große OLED-Panels, die im Gaming-Modus eine Latenz von unter 25 Millisekunden aufweisen. Für Chor und Solisten kommen insgesamt 60 drahtlose Mikrofone zum Einsatz.
Volker Schmitt von Sennheiser erläuterte bei dieser Gelegenheit das Set-up sowie die eingesetzten neuen Handsender. Ein bidirektionales System erlaubt das gleichzeitige Übertragen von Audio und Steuerdaten via Bodypacks. Über eine DSP-gestützte Base-Station können bis zu 32 Eingangs- und 32 Ausgangskanäle verarbeitet werden, während die Antennen für die HF-Übertragung, die Pegel und die vollständige Überwachung der Taschensender zuständig sind. Dies ermöglicht im Standardmodus Latenzen von etwa 1,7 Millisekunden die sich im Ultra-Low-Latency-Betrieb sogar auf 0,7 Millisekunden reduzieren lassen. Über die Priorisierung von Parametern wie Latenz, Auflösung und Bitrate bleibt das ganze System skalierbar. Aber das Beste ist: Die Bodypacks können sowohl senden als auch IEM empfangen, was in diesem Fall für die Solisten genutzt wird; zudem erhält der Hauptcast noch zusätzlich konventionelle Fallback-Sender.
Martin Rode von L-Acoustics erläuterte das Beschallungskonzept. Zum Einsatz kam ein aktuelles vorkonfiguriertes Line-Array-System, bestehend aus einem gekrümmten unteren Teil und optional einem oder mehreren geraden Elementen. Die Vorteile des Systems sind unter anderem das deutlich geringere Gewicht gegenüber Einzellautsprechern, die höhere maximale Schalldruckleistung sowie eine schnelle und einfache Montage. Durch die größere aktive Lautsprecherfläche ergibt sich außerdem ein optimiertes vertikales Abstrahlverhalten. Die Aufführung bot eine beeindruckende Klarheit und Transparenz der Stimmen.
Als Demo spielte Holger eine Orgel-CD ein, während wir die Treppen der Zuschauerpodeste auf- und abgingen. Besonders erstaunlich war das vollständig frequenzstabile Ausblenden der Beschallung im Bereich unter den Lautsprechern, sodass die Bühne nahezu frei von PA-Anteilen blieb. Zum Schluss gab Holger noch Einblicke in seine konzeptionellen Entscheidungen. Er verzichtet bewusst auf immersiven Sound, da die Halle akustisch lebendig genug ist und eine frontale Beschallung dem Woodstock-Gedanken näherkommt. Die Panorama-Abbildung wird über Laufzeiten realisiert, damit auch seitlich sitzendes Publikum keine Pegelverluste bei Solisten erfährt. Dies wird über die umfangreichen Routing-Möglichkeiten des eingesetzten Pults samt Expander gemeinsam mit der Theatersoftware umgesetzt. Die gegenüberliegenden Zuschauerblöcke erhalten spiegelbildliche Signale; eine weitere Panoramisierung der Signale musste für das frontal zur Bühne sitzende Publikum programmiert werden.
Was mich als Zuhörer besonders beeindruckte, war die enorme Durchsichtigkeit des Klangbildes, selbst wenn Rockband, Orchester, Solisten und Chor gleichzeitig spielten und sangen. Laut Holger ist dies nur durch massive DSP-Leistung und konsequent eingesetzte Sidechain-Dynamik möglich. Gemeinsam mit Andrea Jetter und Simon Böttler hatte er ausreichend Zeit, das Pult einzurichten und umfangreiche Automationen zu programmieren. Dafür schrieben sie einen eigenen Score, der Szenen- und Nummernwechsel abbildet. Automatisiert wurde vor allem für die Sänger, deren VCAs ständig unter den Fingern wechseln. Besonders eindrucksvoll war dies in der Verleugnungs-Szene, in der Petrus nach der Kreuzigung von vielen Sängern aus dem Chor heraus der Zugehörigkeit zu Jesus beschuldigt wird.
Bei der Mischung hatte Andrea sämtliche Sänger auf ihrem Pult unter den Fingern, während Holger alles übernahm, was laut war – eine Arbeitsteilung, die in der Beschallungswelt eher unüblich ist. Meinen Konzertbesuch zuvor hatte ich sehr genossen, nicht nur, um den Kollegen über die Schulter zu schauen, sondern auch, den Sound der aufeinanderfolgenden Titel von Hardrock, Gospel, Folk und Orchesterarrangements in derartiger Qualität zu hören: Alles gut durchhörbar, transparent und trotzdem mit Wucht. Hier zeigt sich, dass eine gute Vorbereitungszeit ausschlaggebend für eine gelungene Produktion ist.
Mein Dank gilt Holger Schwark, Andrea Jetter sowie den Referenten Holger Weitkämper, Volker Schmitt und Martin Rode für die spannenden Einblicke.