Einen wunderschönen guten Abend!
Eröffnungsrede von Prof. Dr. Agnieszka Roginska zur Connecting Audio Night
Rednerin: Prof. Dr. Agnieszka Roginska, Übersetzung: Ulrike Anderson, Fotos: Ella See, Markus Thiel
Rednerin: Prof. Dr. Agnieszka Roginska, Übersetzung: Ulrike Anderson, Fotos: Ella See, Markus Thiel
"Hier heute Abend bei der Geburtstagsparty oder “Connecting Audio Night” auf der Bühne zu stehen, ist ein einzigartiges Privileg.
Es ist mir eine große Ehre, hier auf diesem Bankett der Tonmeistertagung zu sprechen, umgeben von einigen der besten Audio-Experten Europas und der Welt. Wenn ich mich in diesem Raum umschaue, sehe ich Menschen, die ihr Leben der Aufnahme von Klang in seiner ganzen Pracht und Vielfalt gewidmet haben. Sei es die subtile Resonanz eines Steinway-Flügels, das Dröhnen einer Stadionmenge oder das Flüstern eines Dialogs in einer Filmszene. Der Verband Deutscher Tonmeister ist seit 75 Jahren dafür bekannt herausragende Audioqualität zu schaffen.
Die Geschichte unseres Fachgebiets ist außergewöhnlich. Als der VDT 1950 gegründet wurde, steckte die Aufzeichnung auf Magnetbänder noch in den Kinderschuhen. Einige der Gründungsmitglieder dieser Organisation waren Pioniere, die dazu beigetragen haben, die Grundlagen der modernen Tonaufnahme zu entwickeln. Sie hatten eine Handvoll Mikrofone, wenige Kanäle und schnitten Schellackplatten von Hand – ohne Plugins, ohne DAWs, ohne Undo-Button – und schafften es dennoch, Darbietungen einzufangen, die uns heute noch bewegen. Letztendlich geht es nicht um die Technologie, es geht darum, wie man die Technik einsetzt. Die Gründer bauten diese Organisation mit einem Engagement für Spitzenleistungen auf, die seit 75 Jahren Bestand hat. Der VDT wuchs von einem kleinen Verband für Filmtonmeister zu einer Organisation mit fast 2.000 Mitgliedern, die alle Facetten der Audioindustrie vertreten. Wir stehen auf den Schultern von Giganten, die verstanden haben, dass Audio nicht nur eine technische Disziplin ist. Es ist eine Kunstform.
Im Laufe der Jahrzehnte haben wir so viele Veränderungen miterlebt und vorangetrieben: von Mono zu Stereo, von analog zu digital, von 2-Kanal- zu immersivem Audio. Jede Generation dachte, sie hätte den Gipfel erreicht, und jede Generation lag wunderbar falsch. Der VDT war die ganze Zeit dabei, hat Standards aufrechterhalten, die Ausbildung gefördert und uns daran erinnert, dass es letztendlich darum geht, der Musik und der Vision des Künstlers zu dienen.
Meine Studenten in New York kommen mit Kopfhörern zum Unterricht, deren computergestützte Signalverarbeitung leistungsfähiger ist als das Studio, in dem ich gelernt habe. Sie sind mit spatial Audio im Taschenformat aufgewachsen. Sie denken, Latenz bedeute, dass eine Verzögerung größer als 30 Millisekunden ist. Aber das Schöne daran ist: Sie kommen, um von Menschen wie uns zu lernen, weil sie verstehen, dass Technologie ohne Sinn für Kunst nur ein Maschinenpark ist. Sie wollen Psychoakustik, kritisches Hören und die Philosophie des Klangs verstehen. Sie wollen wissen, warum Dinge so klingen, wie sie klingen, und nicht nur, welchen Knopf sie drücken müssen. Das stimmt mich hoffnungsvoll.
Sprechen wir also darüber, wohin die Reise geht, denn ehrlich gesagt glaube ich, dass wir in der spannendsten Ära leben, die unsere Fachrichtung je gesehen hat.
Spatial Audio ist endlich angekommen. Und ich meine nicht „angekommen” wie vor über einem Jahrzehnt mit objektbasiertem Audio, als wir alle höflich nickten und sofort zu Stereo oder Surround zurückkehrten. Ich meine, Spatial Audio ist wirklich angekommen. Die Einführung von Spatial Audio in der Musikbranche, die ausgeklügelte Verwendung von objektbasiertem Audio in der Gaming-Branche, die Tatsache, dass die Menschen zu Hause tatsächlich immersive Musik hören. Die binaurale Rendering-Technologie, über die wir heute verfügen, würde den Gründern von VDT wie Zauberei vorkommen. Wir können über Kopfhörer überzeugende 3D-Klangfelder erzeugen. Wir haben eine große Anzahl von Verbraucherprodukten, die die Kopfbewegungen des Zuhörers verfolgen und die Audioszene in Echtzeit aktualisieren können.
Und hier ist der springende Punkt: Spatial Audio ist nicht mehr nur eine technische Spielerei. Künstler denken endlich von Anfang an räumlich. Die kreative Sprache verändert sich. Ich möchte kurz auf KI und maschinelles Lernen eingehen. Wir sprechen hier nicht davon, dass KI Tonmeister ersetzt. Wir sprechen von Werkzeugen, die die mühsamen Teile unserer Arbeit übernehmen, damit wir uns auf die kreativen konzentrieren können.
Stellen Sie sich vor: eine Stem-Trennung, die tatsächlich funktioniert. Eine automatische Raumanalyse und -korrektur, die nicht so klingt, als wäre sie durch eine Blechdose geschickt worden. Intelligentes Metadaten-Tagging für objektbasiertes Audio, das keine drei Stunden manueller Arbeit erfordert. Diese Algoritmen entstehen gerade und werden immer besser.
“Personalized Audio” fasziniert mich. Wir bewegen uns auf eine Zeit zu, in der sich eine Mischung an den Hörer, sein Hörprofil, seine Umgebung, seine Vorlieben und sogar seinen emotionalen Zustand anpassen kann. Einige von Ihnen denken jetzt vielleicht: „Moment mal, was ist aus der künstlerischen Idee geworden?“ Und Sie stellen diese Frage mit Recht! Hier spielen wir als Tonmeister und Pädagogen eine entscheidende Rolle. Wir müssen uns an diesen Diskussionen beteiligen, Standards setzen und Grenzen definieren. Den wenn wir es nicht tun, werden andere es uns abnehmen.
Dreidimensionales Audio und VR/AR-Erlebnisse schaffen völlig neue Paradigmen. Wir mischen nicht mehr allein für Lautsprecher oder Kopfhörer – wir schaffen akustische Räume in denen sich Menschen bewegen können. Die Regeln, die wir über Jahrzehnte hinweg perfektioniert haben? Wir müssen vielleicht einige Kapitel hinzufügen.
Lassen Sie mich einige Beispiele nennen, die mich wirklich begeistern: Die Echtzeit-Binaural-Synthese wird immer besser. Wir stehen kurz davor, dass sich die Remote-Kollaboration in einem virtuellen akustischen Raum wirklich realistisch anfühlt. Stellen Sie sich vor, Sie mischen eine Session mit Kollegen auf der ganzen Welt, aber jeder Teilnehmer nimmt dieselbe Räumlichkeit wahr. Das ist keine Science-Fiction. Das ist fast schon Realität.
Die Demokratisierung der hochwertigen dreidimensionalen Audioproduktion schreitet immer schneller voran. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, in denen Studios die einzigen Orte waren, die über die Technologie und das Wissen für professionelle Aufnahmen verfügten? Computer haben dies geändert. Jetzt erlebt Spatial Audio seine „Home Recording Revolution“. Maschinen, die früher Hunderttausende Dollar kosteten, können jetzt als Programm auf einem Laptop laufen. Das bedeutet mehr Stimmen, mehr Perspektiven und mehr Kreativität im dreidimensionalen Audio.
Neurowissenschaften und Audio nähern sich auf faszinierende Weise an. Wir beginnen zu verstehen, wie das Gehirn dreidimensionale Szenen auf der Hörseite konstruiert, wie Aufmerksamkeit in komplexen akustischen Umgebungen funktioniert und wie Musik uns neurologisch beeinflusst. Dies dient nicht allein der akademischen Neugier. Diese Forschung wird uns dabei helfen, bessere und emotionalere Audioerlebnisse zu schaffen.
Wissen Sie, was ich als Professorin für Musiktechnologie dabei am Spannendsten und Herausforderndsten finde? Ich bereite Studenten auf Berufe vor, die es noch gar nicht gibt. Und das ist aufregend. Das bedeutet, dass unser Fachgebiet noch lange nicht zuende erforscht ist. Das bedeutet, dass Sie alle noch spannende Aufgaben vor sich haben. Das bedeutet, dass die Gründer des VDT, so brillant sie auch waren, nur den Grundstein gelegt haben. Wir bauen noch weiter daran.
Die Zukunft der Audiobranche besteht nicht nur aus besseren technischen Spezifikationen, geringeren Rauschpegeln oder höherer Auflösung – auch wenn das natürlich schön ist. Es geht darum, diese Werkzeuge zu nutzen, um eine tiefere emotionale Ebene zu schaffen, Geschichten neu zu erzählen, Kultur zu bewahren, Menschen durch Klang zusammenzubringen und vor allem die Möglichkeiten des menschlichen kreativen Ausdrucks zu erweitern.
Der VDT ist seit 75 Jahren für seine Passion um herausragende Audioqualität bekannt. Nicht weil er jedem Trend hinterhergelaufen ist, sondern weil seine Mitglieder Standards hochgehalten haben, während sie offen für Innovationen blieben und ein Gleichgewicht zwischen Technik und Kunst gefunden haben. In einem Dreivierteljahrhundert technologischen Fortschritts ist die Organisation erfolgreich geblieben, indem sie sich angepasst hat und gleichzeitig ihrer Kernaufgabe treu geblieben ist: Exzellenz im Audiobereich. Die möglicherweise wichtigste Erkenntnis ist, dass wir uns vergegenwärtigen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, Luft zu bewegen, sondern Menschen zu bewegen. So ehrt man die Vergangenheit: indem man eine unglaubliche Zukunft aufbaut.
Hiermit erheben wir die Gläser auf die nächsten 75 Jahre. Auf Innovationen, die heute unvorstellbar erscheinen. Auf Spatial Audio, das Menschen zu Tränen rührt, auf Mischungen, die zu kulturellen Meilensteinen werden, und auf Technologien, die die menschliche Kreativität förden statt sie zu ersetzen.
Und auf euch alle – dafür, dass ihr das Handwerk bewahrt, Grenzen verschiebt und dafür sorgt, dass die Zukunft, wie auch immer diese aussehen mag, absolut unglaublich klingen wird.
Vielen Dank."
Prof. Dr. Agnieszka Roginska