Besuch bei Orgelbau Schumacher in Eupen
Treffen der Regionalgruppe Köln
Text: Christoph Hilser Images: Christoph Hilser, Nick Mavridis
Text: Christoph Hilser Images: Christoph Hilser, Nick Mavridis
Ende März gab es gleich zwei Besonderheiten bei einem Treffen der Regionalgruppe Köln: Das Treffen wurde in Kooperation mit dem Verein Orgelkultur Aachen e. V. durchgeführt und fand erstmals außerhalb der Staatsgrenze statt: Die Firma Orgelbau Schumacher ist im beschaulichen Tal der Weser nahe Eupen beheimatet, also in Belgien.
Das Unternehmen Schumacher beschäftigt sich mit dem Neubau von Orgeln, hat sich aber mit der Zeit vor allem zu einem Spezialisten für die Restaurierung historischer Orgeln entwickelt. Es ist in Belgien der größte Betrieb seiner Art. Alle benötigten Teile, bis auf die Gebläse, werden selbst gefertigt. Der Rundgang durch die Orgelbaustätten wurde von Inhaber Guido Schumacher und seinem designierten Nachfolger Stefan Pitz perfekt geleitet. Mit großer Begeisterung zeigte uns Guido zu Beginn die grundsätzliche Funktion einer Orgel an einem kleinen Modell. Die Luft, hier Wind genannt, kommt aus den Bälgen, die wiederum vom Gebläse gespeist werden. Wenn sich durch Tastendruck nun das entsprechende Ventil unter den Pfeifen öffnet, fließt Wind durch Kanäle in die Pfeife und der Ton erklingt.
Der Rundgang führte uns durch die verschiedenen Werkstätten, wo wir die einzelnen Stationen der Entstehung eines Instruments in den unterschiedlichen Gewerken Schreinerei, Metallbau, Elektrik, Elektronik, Vergoldung, Intonation in Augenschein nehmen konnten. Guido erklärte anschaulich den Aufbau und die Unterschiede der einzelnen Pfeifen, die entweder aus einer Legierung von Blei und Zinn oder aus Holz gefertigt werden. Besonders filigran sind die Trakturen, welche die Verbindung vom Spieltisch zu den einzelnen Ventilen der Pfeifen herstellen.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Labialpfeifen (Lippenpfeifen) und Zungenpfeifen. Die Töne werden unterschiedlich erzeugt: Bei Labialpfeifen geschieht dies vergleichbar der Tonerzeugung bei einer Blockflöte, bei Zungenpfeifen wird eine Metallzunge durch die eingeblasene Luft in Schwingung versetzt. Dadurch erreicht man die unterschiedlichsten Klangfarben. Weitere Fachbegriffe wie Prospekt (sichtbare Vorderseite der Orgel), Mensur (Verhältnis von Länge und Durchmesser einer Pfeife) und Windlade (eine Art Holzkasten, auf dem die Pfeifen stehen) wurden anschaulich erklärt.
Das Highlight stand in der großen Halle vor unseren Augen: die momentan in Restaurierung befindliche Anneessens-Orgel aus der Jakobskirche Antwerpen. Sie steht unter Denkmalschutz und muss in Einklang mit den entsprechenden Vorschriften in ihren Ursprungszustand versetzt werden. Tausende und abertausende Arbeitsstunden sind nötig, um die Pfeifen wieder zum perfekten Klingen zu bringen und andere Altersschäden zu beheben. In einigen Monaten wird die Orgel dann in Einzelteile zerlegt, nach Antwerpen transportiert und vor Ort wieder aufgebaut. Nach dem technischen Aufbau erfolgt die eher musikalische Arbeit: die Intonation, also das klangliche Abstimmen der einzelnen Pfeifen in allen Registern. Das ist erneut eine Arbeit von mehreren Monaten! Man kann sich vorstellen, dass dieser enorme Aufwand einiges an Budget erfordert. Aber der dann erzeugte Orgelklang ist ein Erlebnis. Und das aufzunehmen, von einem guten Organisten gespielt, ist uns Tonmeistern dann ein besonderes Vergnügen. Die einmalige Gelegenheit, eine solche historische Orgel nicht nur aus der Nähe zu sehen, sondern auch innen begehen zu können, war ein nicht alltägliches Erlebnis.
Anhand des Spieltisches kann man die Anzahl der Tasten, meist 56 pro Manual, und die unterschiedlichen Register mit typischen Klangfarben (Flöte, Streicher, Trompete, Cornett, Vox humana usw., in verschiedenen Tonlagen vom hohen Sopran (2-Fuß) bis zum tiefen Bass (16- oder 32-Fuß, um die 16 Hz) ablesen. Jedes Manual ist für ein Teilwerk der Orgel zuständig. Meist gibt es ein Hauptwerk, ein Positiv, ein Schwellwerk. Dazu kommt noch das Fußpedal mit etwa 30 Tasten, entsprechenden Pfeifen und meist tiefen Registern. Eine Orgel dieser Größenordnung besteht aus insgesamt rund 3000 Pfeifen.
Obwohl die Arbeit an der Anneessens-Orgel noch nicht abgeschlossen ist, stehen schon die nächsten Projekte an. Die Instandsetzung der großen, mitteltönig gestimmten Orgel in Saint Jaques in Lüttich, die Restaurierung der Smet-Orgel im Beginenhof Herentals, die Restaurierung mit Rückbau zum Originalkonzept von 1606 der Orgel in der St. Pauwelskirche in Mol, ein Instrument mit den ältesten und dekorativsten Pfeifen des Landes – und, und, und.
Zu so viel geballter Information und Tönen in den Ohren gehörte noch ein kontrastierender Abschluss. Typisch für unser Nachbarland klang der Abend bei belgischen Bier und leckeren, echten belgischen Fritten aus. Nochmals herzlichen Dank an Guido, Stefan und sein Team für diese gelungene Veranstaltung.
Wer gerne Orgelmusik mit „Schumacher“- Orgeln hören möchte: • Jan Pieterszoon Sweelinck, gespielt von Serge Schoonbroodt • Jan Pieterszoon Sweelinck, gespielt von Léon Berben • César Franck, gespielt von Peter Van de Velde (alle bei Aeolus erschienen)
Weitere Informationen und Referenzbilder unter orgel-schumacher.com
Christoph Hilser hat als Regionalleiter der RG Köln und hier als Vorstandsmitglied von Orgelkultur Aachen e. V. die Führung bei Orgelbau Schumacher geplant und organisiert. Sein Interesse gilt vor allem der technischen Ausstattung von Tonstudios sowie Live-Recording und Musikaufnahmen, insbesondere von Orgelmusik.